30.11.2016

BaFin-Zwangsgelder gegen KREMLIN AG - Blick ins abgründige Reich der Familie R.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat am 20. Oktober 2016 auf ihrer Internetseite veröffentlicht, mit Bescheid vom 18. Oktober 2016 ein Zwangsgeld in Höhe von 140.000 € gegen die KREMLIN AG festgesetzt zu haben.

Das Unternehmen habe gegen die Vorschriften des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG) verstoßen, hier im besonderen gegen den § 37v Absatz 1 Satz 2 und 3. Hierbei handelt es sich um Verstöße gegen Veröffentlichungspflichten. Die KREMLIN AG hat, wie die BaFin auf ihrer Internetseite am 26.10.2016 aktualisiert, gegen diesen Bescheid zum 21.10.2016 Widerspruch eingelegt.

Diese zunächst einigermaßen ungewöhnlichen Vorgänge könnten den ein oder anderen Marktbeobachter dazu veranlassen, einen näheren Blick auf das Unternehmen KREMLIN AG zu werfen. Eine kurze Internetrecherche eröffnet dann überraschenderweise einen durchaus unglaublichen Abgrund an Unvorstellbarkeiten, die in der Tat ihresgleichen selbst auf dem skandalgeplagten sogenannten Grauen Kapitalmarkt suchen, von den mindestens teilweise regulierten Aktienmärkten ganz zu schweigen.

Da ist zunächst die vom Unternehmen selber betriebene Webseite, auf der man neben der freundlichen Plastiksekretärin beispielhaft unter dem Untermenüpunkt "Hauptversammlungen" Dokumente zu lesen bekommt, in denen die Rede ist von einem "ernüchternden Zustand der Gesellschaft", fortgeschafftem Vermögen, fehlenden Unterlagen, Scheinadressen und Scheinabschlüssen, denen darüberhinaus die Prüfungsgesellschaft im Nachgang das Testat entzog. Ein "beschlussunfähiger Aufsichtsrat", ein Insolvenzantrag im Juli, Beschimpfungen, Gegenanträge mit dem Ziel der Verweigerung der Entlastung des Vorstandsmitgliedes Wolfgang Wilhelm Reich sowie eine Strafanzeige gegen denselben setzen diesem Portfolio an Absonderlichkeiten die Krone auf.

Eine etwas weitergehende Suche im Netz fördert alsbald allerhand unschöne Artikel aus diversen seriösen Zeitungen über die ganz offensichtlich eng und aufs innigste mit dem Unternehmen (und nicht nur mit diesem) verbundene Familie Reich aus dem schwäbischen Steinheim respektive Heidenheim ans Licht des Tages. Zwei Hauptakteure scheinen hier auf: Wolfgang Erhard Reich, Rechtsanwalt, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer mit Kanzlei in Heidenheim, sowie sein Sohn Wolfgang Wilhelm Reich, von dem zu lesen ist, einst und vor einem tragischen Schlaganfall ein veritabler Degenfechter gewesen zu sein.

Zwei Geschäftsleute anscheinend, jedenfalls entsprechend der Berichte auch beispielhaft der Onlineplattform gomopa.net (Goldmann Morgenstern & Partners), die es sich zum Ziel gemacht hätten, mithilfe einer Vielzahl unterschiedlicher Aktiengesellschaften insbesondere im Pennystock-Bereich über viele kleine Umtauschangebote, die gerade nicht durch die BaFin genehmigungspflichtig seien (Zitat: wie der Teufel das Weihwasser...), die Beherrschung möglichst vieler weiterer Unternehmen zu erlangen. Die Vorgehensweise ähnele sich hier: mit überaus kurzfristigen Offerten würden arglosen Aktionären vermeintlich lukrative Tauschangebote unterbreitet und diese in tatsächlich wertlose Investments gedrängt.

Die diesbezügliche Strategie von Vater und Sohn nebst weiterer Personen aus dem Umfeld des Familienclans scheint über die Jahre hinweg durchaus erfolgreich gewesen zu sein. Trotz fortdauernder Bedrängnis durch die ermittelnden Behörden, hier namentlich die Schwerpunktabteilung für Wirtschaftsstrafsachen bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, sei hier ein kaum zu überblickendes Netz von Unternehmen und Gesellschaften entstanden. Ganz und gar meisterhaft scheinen sich Wolfgang E. sowie Wolfgang W. das perfektionierte Spiel des Jonglierens mit kleinen und mittleren Summen von links nach rechts, von oben nach unten und hin und her angeeignet zu haben, mit dem Effekt jedenfalls, dass jeweils unter dem groben Strich für die involvierten gutgläubigen Geldgeber und Aktionäre allüberall schlussendlich nichts mehr zu holen schien. Sogar ein solch alteingesessen-renommiertes Unternehmen wie die Karwendelbahn AG im beschaulichen Mittenwald sei betroffen: seit Jahr und Tag muss sich die Marktgemeinde mit allerhand eigenartigen Vorgängen innerhalb der durch die Familie Reich dominierten Bahngesellschaft herumschlagen, dokumentiert u.a. in einer Vielzahl von Artikeln in der Süddeutschen Zeitung.

Sogar eine strafrechtliche Verurteilung, die im Februar 2014 rechtskräftig wurde, habe den Junior nicht dazu bewegen können, seine Vorstandstätigkeit entsprechend geltender Gesetzeslage zu beenden, wie beispielhaft auch die Heidenheimer Zeitung (SWP) schreibt. Die lapidare Conclusio eines involvierten Strafverfolgers hier: "Für Polizei und Justiz ist die Aufklärung von Wirtschaftsverbrechen mühsam und unattraktiv". Dennoch - und möglicherweise gerade deswegen - dürfte sich der ein oder andere betroffene Kleinanleger und Investor in eines oder mehrere der durch die schwäbischen Finanzspezialisten gelenkten Unternehmen und Gesellschaften die Frage stellen, wie und von wem er einen möglicherweise entstandenen Schaden ersetzt bekommen könnte.

Bank- und Kapitalmarktrecht