18.02.2016

German Pellets-Skandal: wohin sind die vielen Millionen verschwunden?

Das Handelsblatt steuert am frühen Donnerstagabend mit einer ganzen Reihe weiterer Informationen hochgradig bedenkliche Details zu der jedenfalls in dieser Hinsicht immer reicher werdenden Story um die Pleite des Wismarer Brennstoffherstellers German Pellets bei.

Die vor dem Totalausfall stehenden Zeichner der drei verschiedenen Anleihen des Unternehmens, die hier insgesamt nach übereinstimmenden Informationen 226 Millionen € investiert hatten, dürften kaum darüber amüsiert sein, zu erfahren, dass ihre Gelder unter anderem als "sonstige Ausleihungen" in die USA verschoben wurden.

Vergangene Woche hatte German Pellets den Gang zur zuständigen Behörde angetreten und dort Antrag auf Insolvenz in Eigenregie beantragt. Dies wurde abgelehnt, als Verwalterin zur Regelinsolvenz wurde Bettina Schmudde, Kanzlei White & Case, beauftragt. Diese wiederum habe nach Informationen des Handelsblattes im Unternehmen bis auf eine lächerliche Barreserve von 5000 € keinerlei Finanzmittel mehr angefunden. Eine Summe, die nicht einmal die Energiekosten für Strom und Benzin der Produktionsstätte nur für einen einzigen Tag abgedeckt hätte. Allerdings scheint der reguläre Produktionsbetrieb wohl bereits seit mehreren Wochen fast vollständig zum Erliegen gekommen zu sein. Auf Nachfrage habe Schmudde zum Zustand des Unternehmens und zu diesen Vorgängen keinerlei Stellungnahme abgeben wollen.

Fraglich steht nunmehr, ob unter den gegebenen Umständen überhaupt ein Weiterbetrieb des Unternehmens möglich und denkbar sein könnte. Primäre Finanzierungsquelle der näheren Vergangenheit waren ganz offensichtlich die dortig begebenen Anleihen sowie außerdem Genussrechte. Wie unter anderem das Handelsblatt schreibt, wurden darüberhinaus auch in den Vereinigten Staaten über Anleihen mehr als eine halbe Milliarde Dollar eingesammelt. Nach Sachlage der jetzt öffentlich verfügbaren Informationen jedenfalls müssten wohl neuerlich erhebliche Finanzmittel in Form frischer Kredite zur Verfügung gestellt werden, alternativ wäre der Einstieg eines Investors vorstellbar.

Handelsblatt-Redakteurin Gertrud Hussla  stellt hier die rhetorische Frage nach der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit der Beantragung einer Insolvenz in Eigenregie durch Firmengründer und Geschäftsführer Peter Leibold. Diesem und dem von ihm gewählten Sanierungs-Geschäftsführer Frank Günther wäre ganz offensichtlich eine Fortführung der Unternehmenstätigkeit ohne jegliche Barmittel kaum möglich gewesen.

Doch wo sind die vielen Millionen Anlegergelder innerhalb der Unternehmensgruppe verschwunden? Wie das Handelsblatt darlegt, habe der Kassenstand zum 1. Juni 2015 laut Zwischenbericht des Konzernes noch 14 Millionen € betragen. Auskünften aus dem Unternehmen heraus zufolge sei es "gut möglich, dass dies nicht mehr der Realität entsprach und große Teile der Kassenbestände und Schecks schon verpfändet waren". In dieser Hinsicht sei möglicherweise auch der neue Sanierungsgeschäftsführer getäuscht worden.

Auch die letzten Halbjahreszahlen werfen offensichtlich massive Fragen auf. 154 Millionen € seien dort als Umlaufvermögen, direkt nach den Vorräten, als "Forderungen und sonstige Vermögensgegenstände" registriert, wie das Handelsblatt schreibt. Eine erhebliche Summe, rund ein Drittel der gesamten Bilanz. Genauere Angaben seien hier nicht vorhanden, moniere der Leiter des Institutes für Wirtschaftsprüfung an der Universität Saarland, den das Wirtschaftsblatt mit den Worten zitiert: "Ich befürchte, dass ein großer Teil dieser Forderungen nichts mehr wert ist".

Der nächste Brocken: "Finanzanlagen", auf 178 Millionen € taxiert. Das Handelsblatt verweist auf den Verkaufsprospekt der Genussrechte. Auf Seite 53 sind dort 50,4 Millionen € als Ausleihungen deklariert, die zur "Sicherung der Produktion" in die USA überwiesen wurden. Bereits zum Dezember 2014 seien hier allerdings schon 114 Millionen € als "sonstige Ausleihungen" den gleichen Weg gegangen. Die Ratingagentur Creditreform gebe die Auskunft, dass dieses Kapital überwiegend in eine durch die Familie Leibold kontrollierte Stiftung geflossen sei. Diese wiederum habe die Gelder als Eigenkapitalanlage in zwei weitere Pelletwerke überführt. Zwar bestünden Lieferverträge mit German Pellets, eine Zugehörigkeit sei jedoch nur mittelbar über die Stiftung gegeben.

Bitter für die Anleihehalter, aber in größter Einfachheit und Klarheit fasst das Handelsblatt zusammen: "Aus dem vorrangig zu bedienenden Gläubigerkapital der Anleger ist ... nachrangiges Eigenkapital zweier US-Firmen geworden".

Damit allerdings nicht genug: auch den amerikanischen Firmen sitzen die Gläubiger im Nacken: große Fondsgesellschaften wie Invesco oder Putnam sowie die Investorengruppe KKR hätten hier nach Angaben des Finanzdatenservice Bloomberg Anleihen über eine halbe Milliarde US-Dollar gezeichnet. Und über Abnahme- und Liefergarantien hinaus habe German Pellets auch noch Kreditbürgschaften an die US-Werke vergeben. Im Falle eines dortigen Zusammenbruches sei naturgemäß mit einem Rückgriff der amerikanischen Gläubiger auf die German Pellets-Konkursmasse hierzulande zu rechnen.

Wer ist verantwortlich für das sich hier abzeichnende vollkommene Chaos und die wahrscheinlichen Verluste von hunderten von Millionen Euro? Ganz offensichtlich entsteht über die Berichte der vergangenen Tage und Wochen das Bild einer gewissen Hybris, abgerundet von den Berichten über den Privatjet auf dem Lübecker Flughafen sowie der Übertragung von Unternehmensanteilen innerhalb der Familie Leibold, während die geldgebenden Privatanleger um ihre Einlagen bangen. Jedenfalls ermittelt zwischenzeitlich die Staatsanwaltschaft.

Wir empfehlen ein weiteres mal dringendst allen betroffenen Investoren, insbesondere im Hinblick auf das sogenannte Prioritätsprinzip umgehend mit entsprechend erfahrener anwaltlicher Vertretung alle rechtlich möglichen Schritte zur Geltendmachung und effektiven Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen zu prüfen und gegebenenfalls zeitnah zu unternehmen. Gerne dürfen Sie uns in dieser Hinsicht unverbindlich kontaktieren!

Wir verweisen heirzu auch auf unsere weiteren Berichterstattungen, die Sie unter den folgenden links finden:

Bank- und Kapitalmarktrecht