04.01.2017

Steilmann SE-Anleihen in der Pleite: Anlegergelder verschoben? Family & Friends bedienen sich

Das Handelsblatt beschäftigt sich erneut in einem ausführlichen Artikel mit der Pleite der Steilmann SE und den einigermaßen absonderlichen Vorgängen im Vorfeld sowie Nachgang.

Die exemplarisch deutlichen Darstellungen der Wirtschaftszeitung zeichnen hier ein weiteres Mal das Bild einer Unternehmensgruppe, deren Management mit großer Rücksichtslosigkeit über viele Jahre hinweg auf verschiedenen Kanälen eine dreistellige Millionensumme auf den Kapitalmärkten einsammelt - und gleichzeitig wider besseres Wissen durchgängig eine geradezu euphorisch überzeichnet positive Lage der Firmengruppe vermittelt.

Im Zentrum des Geschehens der vergangenen zehn Jahre steht der italienische Familienclan der Radici - und hier im speziellen Dr. Michele Puller, eingeheirateter Sprössling und cleverer Selfmade-Geschäftsmann, wobei hier bereits der konnotierte und bis zur Stunde auf der Unternehmenswebseite proklamierte Doktortitel mit Vorsicht zu genießen ist, wie das Handelsblatt ausführt. Zum Thema des sogenannten Brennerdoktors mag sich jeder Interessierte beispielhaft die umfassenden Ausführungen der Wikipedia zu Gemüte führen, zusammenfassend steht diese Bezeichnung jedenfalls weltweit als Inbegriff für falsche Doktortitel sowie Titelmissbrauch im allgemeinen. Neben dem "Dottore" und CEO Puller zeichnete auch Schwägerin Paola Viscardi-Giazzi verantwortlich für die Finanzen der Firmengruppe.

Die Finanzen nun hatten es tatsächlich in sich, wie das Handelsblatt weiter darlegt. Geradezu exemplarisch und mit großer Kunstfertigkeit webten Puller und Konsorten ein immer dichter werdendes Tarnnetz über die finanziell fadenscheinigen Stellen und sich immer weiter ausbreitenden Mottenlöcher in den Liquiditätsreserven innerhalb der Unternehmensgruppe - um im branchenspezifischen Sprachduktus zu bleiben. "Stilles-" und "Spezial-Factoring", "Vertikalisierung" durch stetige Umstrukturierungen innerhalb der Konzernstruktur, das Aufpolstern von Bilanzen durch die behauptete Werthaltigkeit von Unternehmensteilen, Forderungen, Markenrechten, Kundenstämmen und allerhand weiterer immaterieller Assets sorgten für ein proaktives Nebelmeer, durch das Außenstehende kaum mehr Einblick in die tatsächlichen düsteren finanziellen Abgründe bekamen.

Das Sahnehäubchen auf dem versammelten Desaster: das Placet der Wirtschaftsprüfungsexperten von KPMG zur großen Umstrukturierung 2014. Eine Stellungnahme zu der hier angerichteten Katastrophe sei von den an der ganzen Malaise selbstredend bestens mitverdienenden Spezialisten jedenfalls nicht zu erhalten gewesen, so das Handelsblatt. Puller, der sich im übrigen gerne mit Chauffeur bewegte oder selber extravagante Rennwagen steuerte, sei im Verbund mit weiteren Verantwortlichen nach wie vor von seiner Finanzakrobatik überzeugt, so das Handelsblatt. Sein Anwalt behauptet überdies, den Wirtschaftsprüfern seien in Bezug auf ihre Testate keine Vorgaben gemacht worden, man habe darüberhinaus auch "keinen Anlass, an der Ordnungsgemäßheit der unabhängigen gutachterlichen Tätigkeit zu zweifeln".

Allein, den mitfinanzierenden Banken seien dann irgendwann wohl doch Zweifel an der Solidität der imposanten Darstellungskünste Pullers gekommen. Anlass ganz offensichtlich nicht für ein Innehalten und Tabula rasa: die nächste Anleihe wurde begeben, Schuldscheindarlehen sowie der Schritt an die Börse folgten. Hier allerdings wurde nun endlich der Markt misstrauisch: nurmehr 8 Millionen € erlöste der Gang aufs Parkett, die zwangsläufige Pleite kam wenige Monate später.

Zwischenzeitlich ermittelt die Staatsanwaltschaft nach einer Reihe von Strafanzeigen gegen Puller und weitere Verantwortliche, die Vorwürfe lauten auf Insolvenzverschleppung sowie weitere Delikte. Fraglich steht allerdings auch in diesem miserablen Schauspiel, inwieweit die Verursacher für den entstandenen Schaden von Gesetzes wegen von den zuständigen Behörden zur Verantwortung und Haftung herangezogen werden. In Analogie zu weiteren gigantischen mutmaßlichen Anlagebetrugsfällen (German Pellets, KTG Agrar SE) stellt das Handelsblatt jedoch fest, dass auch hier bereits Teile der Insolvenzmasse zum Sonderpreis an die Verwandtschaft des vormaligen Managements veräußert wurden. Ein Schelm, wer hier Insiderwissen vermuten könnte...

Bank- und Kapitalmarktrecht